Würdest Du Hundemilch in Deinen Kaffee gießen? Nein? Dann frag Dich doch einmal, warum es Dir bei Kuhmilch so selbstverständlich vorkommt.
Im November gibt es die Martinsgans, im Dezember Weihnachtsgans und Silvesterkarpfen, im Frühling das Osterlamm. Dazwischen kommen das Frühstücksei, der Sonntagsbraten und der Milchschaum auf dem Cappuccino. Kaum etwas tun wir so selbstverständlich, wie das zu essen, was schon unsere Eltern und Großeltern gegessen haben. Wir fragen nicht nach. Es ist eben Tradition.
Aber hast Du Dich einmal gefragt, wer eigentlich festgelegt hat, welche Tiere auf Deinen Teller gehören und welche auf Dein Sofa? Du selbst warst es jedenfalls nicht. Darüber wurde entschieden, lange bevor Du auf der Welt warst. Wir laden Dich hier zu einem kleinen Gedankenexperiment ein. Es wird ein bisschen unbequem. Versprochen.
Warum ausgerechnet Kuhmilch?
Stell Dir vor, Du bestellst im Café einen Latte macchiato und wirst freundlich gefragt: „Mit Schweinemilch oder lieber mit Hundemilch?“ Wahrscheinlich gehst Du in ein anderes Café. Und ein Kuchen mit Pfaueneiern, ein Omelett aus Schwaneneiern? Unvorstellbar.
Dabei ist Kuhmilch genau dasselbe: die Muttermilch einer anderen Tierart, gemacht für ein Kalb. Mit ihr soll ein Neugeborenes von rund 40 Kilo in wenigen Monaten auf mehrere hundert Kilo heranwachsen. Deshalb enthält sie etwa dreimal so viel Eiweiß wie menschliche Muttermilch, dazu Wachstumsfaktoren wie IGF-1, die genau für dieses rasche Wachstum gedacht sind. Kein anderes Säugetier trinkt nach dem Abstillen noch Milch, schon gar nicht die einer fremden Art. Wir Menschen tun es bis ins hohe Alter.
Für das Kalb ist in dieser Rechnung übrigens kein Platz. Eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kalb bekommen hat, und deshalb wird sie Jahr für Jahr erneut geschwängert. Ihr Kind nimmt man ihr meist kurz nach der Geburt weg, damit die Milch in der Molkerei landet und nicht im Kalb. → Mehr über „Nutztiere“
Und das Ei? Es ist der Eisprung eines Huhns, nicht mehr und nicht weniger. Die wilde Urahnin unserer Hühner legt nur wenige Eier im Jahr, gerade so viele, wie sie zum Brüten braucht. Heutige Legehennen sind auf rund 300 Eier gezüchtet. Ihr Körper zahlt dafür mit Knochenschwund, Knochenbrüchen und entzündeten Eileitern. Nach etwa anderthalb Jahren kommt sie in den Schlachthof, weil sie „nicht mehr genug“ legt.
Warum also ausgerechnet Kuh und Huhn? Nicht, weil es vernünftiger wäre. Sondern einzig und allein, weil wir es so gelernt haben.
Ekel ist eine Frage der Herkunft
Was wir eklig finden und was lecker, hängt nicht vom Geschmack ab, sondern davon, wo wir aufgewachsen sind. Ein paar Beispiele aus aller Welt:
- Hákarl (Island): Grönlandhai, monatelang vergoren und getrocknet. Er riecht stechend nach Ammoniak und gilt trotzdem als Nationalgericht.
- Casu Marzu (Sardinien): Schafskäse, in dem absichtlich die Larven der Käsefliege leben. Gegessen wird er mitsamt den lebenden Maden. Der Verkauf ist eigentlich verboten, die Tradition lebt trotzdem weiter.
- Meerschweinchen (Peru): Bei uns ist es ein geliebtes Haustier. In den Anden kommt es als „Cuy“ zu Festtagen auf den Tisch.
- Kaninchen: In Großbritannien und den USA ist es vor allem Haustier, bei uns ist es ein klassischer Osterbraten.
- Pferd: Für viele Deutsche ist es ein Tabu. Dabei wurde der rheinische Sauerbraten ursprünglich aus Pferdefleisch gemacht.
Jetzt dreh den Spieß einmal um. Wie sieht wohl unser Teller für jemanden aus, der nicht damit groß geworden ist?
- Blutwurst: geronnenes Blut, in Darm gefüllt
- Pfälzer Saumagen: ein gefüllter Schweinemagen, bei uns in Rheinland-Pfalz eine Spezialität
- Kalbsbries: die Thymusdrüse junger Kälber, als Delikatesse gehandelt
- Zunge, Leber, Nierchen: für viele Menschen anderswo genauso unvorstellbar wie für uns der Hai aus Island
- Garnelen: Gliederfüßer wie die Insekten. Viele, die beim Gedanken an Mehlwürmer das Gesicht verziehen, essen sie trotzdem ganz selbstverständlich.
Der Ekel vor den Maden im Käse und die Vorfreude auf die Weihnachtsgans haben dieselbe Wurzel: Gewohnheit. Mit dem Tier, das dafür leidet, hat weder das eine noch das andere etwas zu tun.
Fest der Liebe – für wen eigentlich?
Unsere schönsten Feste stehen für Teilen, Liebe, Neubeginn und Leben. Ausgerechnet zu diesen Festen sterben besonders viele Tiere.
Martinsgans und Weihnachtsgans
Der heilige Martin teilte seinen Mantel mit einem frierenden Bettler. Sein Fest erinnert an Barmherzigkeit. Der Legende nach verrieten ihn schnatternde Gänse, als er sich verstecken wollte, um nicht Bischof zu werden. Seit Jahrhunderten müssen Gänse dafür „büßen“. Dabei sind Gänse kluge, gesellige Tiere, die oft ein Leben lang mit ihrem Partner zusammenbleiben und über 20 Jahre alt werden können. Ein Großteil der Gänse, die in Deutschland gegessen werden, kommt aus Polen und Ungarn. Dort ist es erlaubt, lebenden Gänsen während der Mauser die Federn auszurupfen, und dort wird auch Stopfleber erzeugt. In Deutschland ist das Stopfen verboten, die Stopfleber darf aber trotzdem verkauft werden.
Silvesterkarpfen
Eine Schuppe des Silvesterkarpfens im Geldbeutel soll im neuen Jahr Geld bringen. Für dieses bisschen Aberglauben endet ein Leben, das Jahrzehnte hätte dauern können: Karpfen können über 40 Jahre alt werden. Gegessen werden sie meist mit drei oder vier Jahren. Manche werden noch lebend gekauft, in der Plastiktüte nach Hause getragen und bis zum Festtag in der Badewanne gehalten. Dabei empfinden Fische Schmerz und Angst, das ist längst wissenschaftlich belegt. Sie können es nur nicht herausschreien.
Osterlamm
Ostern ist das Fest des Lebens und der Auferstehung. Gefeiert wird es ausgerechnet mit dem Fleisch von Tierkindern: Lämmer werden schon mit wenigen Wochen oder Monaten geschlachtet, obwohl Schafe zehn Jahre und älter werden können. Dabei gibt es längst ein Osterlamm, für das niemand sterben muss: das aus Rührkuchen, mit Puderzucker bestäubt. Und das lässt sich ganz leicht vegan backen.
„Das war doch schon immer so!“
Stimmt. Vieles war „schon immer so“, bis jemand den Mut hatte, es zu hinterfragen:
- Lehrer durften Kinder schlagen. In den meisten westdeutschen Ländern endete das erst in den 1970er-Jahren.
- In Restaurants, Zügen und Büros wurde selbstverständlich geraucht.
- Jedes Jahr wurden in Deutschland rund 45 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet. Seit 2022 ist das verboten.
- In Südkorea gehört Hundefleisch seit Jahrhunderten zur Küche. 2024 hat das Parlament beschlossen, dass Zucht, Schlachtung und Verkauf ab 2027 verboten sind.
Eine Tradition ist für sich genommen kein Argument. Sie ist eine Gewohnheit, die so alt geworden ist, dass niemand mehr nachfragt. Gute Traditionen erkennt man daran, dass sie auch dann noch Sinn ergeben, wenn man sie hinterfragt.
„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“
– oft Gustav Mahler zugeschrieben
Merkst Du was?
Kein Kind kommt auf die Welt und will ein Lamm essen. Kinder lieben Tiere. Sie wollen das Kälbchen streicheln, das Küken in die Hand nehmen und dem Ferkel einen Namen geben. Erst wir Erwachsenen bringen ihnen bei, dass man das eine Tier streichelt und das andere isst. Die Psychologin Melanie Joy nennt dieses unsichtbare Glaubenssystem „Karnismus“. → Mehr über Haustiere und Karnismus
Das ist keine Schande. Fast jedem von uns ging es so. Aber jetzt, wo Du es weißt, triffst Du die Entscheidung selbst. Stell Dir dazu ein paar ehrliche Fragen:
- Würdest Du die Gans selbst töten, wenn Du sie vorher kennengelernt hättest?
- Was genau unterscheidet den Karpfen in der Badewanne vom Goldfisch im Aquarium?
- Wenn Du für ein schönes Fest eigentlich nur Deine Liebsten, Kerzenlicht und gutes Essen brauchst – wofür stirbt die Gans dann?
- Würdest Du Deinen Kindern die Wahrheit darüber erzählen, wie ihr Festtagsbraten gelebt hat und gestorben ist?
Feiern ohne Opfer
Was macht ein Fest eigentlich schön? Die Menschen, mit denen wir feiern. Der Duft aus der Küche, die Kerzen, die Gespräche, das Gefühl von Geborgenheit. Für nichts davon muss ein Tier sterben. Du kannst alles behalten, was Dir an Deinen Festen lieb ist, nur eben ohne Leid:
- Zu Weihnachten: Nussbraten, Seitanbraten oder ein Pilz-Wellington mit Rotkohl, Klößen und kräftiger Bratensoße. Inzwischen gibt es sogar fertige vegane „Gänsebraten“.
- Zu Silvester: In Italien bringen Linsen im neuen Jahr Glück und Geld, ganz ohne Karpfen. Oder Raclette und Fondue mit veganem Käse und viel Gemüse.
- Zu Ostern: das Osterlamm aus Rührteig, bunt bemalte Holz- oder Pappeier und ein Frühlingsbuffet mit allem, was der Garten hergibt.
- Plätzchen und Stollen: Fast jedes Familienrezept lässt sich vegan backen, mit Pflanzenmargarine, Pflanzenmilch und einem Löffel Apfelmus oder Leinsamen statt Ei.
Jede neue Tradition hat einmal damit angefangen, dass jemand es als Erste(r) anders gemacht hat. Warum nicht Du, und warum nicht dieses Jahr?
Was kannst Du tun?
Wie viele Tiere sollen ab jetzt noch für Deine Feste sterben? Wenn Deine Antwort „keines mehr“ lautet, dann fang heute an. Hier findest Du alles, was Du dafür brauchst:
Wie viele Tiere sollen noch für Deine Feste sterben?
Dieses Jahr kannst Du es anders machen. Lade Deine Liebsten zu einem Festessen ein, bei dem niemand leiden muss, und zeig ihnen, wie gut das schmeckt. Die Tiere können nicht warten. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Wichtig: Wer vegan lebt, muss Vitamin B12 ergänzen. Alles dazu findest Du unter Risiken.
Jetzt vegan werdenQuellen
- Storhaug, C. L., Fosse, S. K. & Fadnes, L. T. (2017): Country, regional, and global estimates for lactose malabsorption in adults: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Gastroenterology & Hepatology 2(10), 738–746.
- Joy, M. (2013): Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus – eine Einführung. compassion media.
- Sneddon, L. U. (2015): Pain in aquatic animals. Journal of Experimental Biology 218, 967–976.
- Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Verbot des Kükentötens ab 1. Januar 2022 (Tierschutzgesetz § 4c).
- Republik Korea: Gesetz über das Verbot der Zucht, Schlachtung und des Verkaufs von Hunden zum Verzehr (verabschiedet im Januar 2024).